Wenn jede Minute zählt: Einblicke in die Arbeit der Zentralen Notaufnahme
Cloppenburg. Was passiert eigentlich, wenn man als Notfallpatient in die Zentrale Notaufnahme kommt? Welche Beschwerden sind wirklich akut lebensbedrohlich – und warum müssen manche Patienten länger warten als andere? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gab das Patientenforum „Wenn jede Minute zählt – ein Blick in die Notaufnahme“ im St.-Josefs-Hospital Cloppenburg. Chefärztin Dr. med. Sonja Römer und ihr Team gewährten den Besucherinnen und Besuchern einen anschaulichen Blick hinter die Kulissen der Zentralen Notaufnahme und machten deutlich: Im medizinischen Notfall zählt oftmals jede Minute.
„Ich kenne keine andere Fachabteilung, in der man so eng und interdisziplinär zusammenarbeitet“, betonte Dr. Römer. Gerade in einer Notaufnahme seien schnelle Entscheidungen, klare Abläufe und eine enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen und Fachrichtungen entscheidend. Schließlich treffen hier täglich Menschen mit ganz unterschiedlichen Beschwerden und Erkrankungen aufeinander – von vergleichsweise harmlosen Problemen bis hin zu akut lebensbedrohlichen Situationen.
Eine zentrale Rolle kommt dabei der Pflege zu. Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte arbeiten in der Zentralen Notaufnahme eng, vertrauensvoll und auf Augenhöhe zusammen. Gerade in der Notfallversorgung sind die unterschiedlichen fachlichen Perspektiven und Erfahrungen beider Berufsgruppen entscheidend. Die Pflege ist dabei das Herzstück der Notaufnahme: sie ist kontinuierlich an der Seite der Patientinnen und Patienten, erkennt Veränderungen frühzeitig, koordiniert Abläufe und trägt gemeinsam mit dem ärztlichen Team wesentlich dazu bei, dass auch in zeitkritischen Situationen schnell und sicher gehandelt werden kann.
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit in der Notaufnahme ist deshalb die Triage. Dabei wird unmittelbar nach der Aufnahme eingeschätzt, wie dringend eine medizinische Behandlung erforderlich ist. Nicht die Reihenfolge des Eintreffens entscheidet darüber, wer zuerst behandelt wird, sondern die medizinische Dringlichkeit.
Dr. Römer ging dabei auch auf die zunehmende Belastung der Notaufnahmen ein. Sie bat die Patienten um Verständnis und Geduld, wenn es zu Wartezeiten kommt. „Es muss nach Dringlichkeit behandelt werden“, machte sie deutlich. Nach ihren Angaben sind für viele Fälle die niedergelassenen Ärzte beziehungsweise der vertragsärztliche Bereich die richtige Anlaufstelle.
Interessant wurde es auch, als das Team der Zentralen Notaufnahme die sogenannten „Big Five“ der Notfallmedizin vorstellte: Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Atemnot, schwere Traumata und Sepsis. Bei allen fünf Krankheitsbildern kann ein rascher Beginn der medizinischen Versorgung entscheidend sein.
Nicole Henn, Pflegerische Bereichsleitung der Zentralen Notaufnahme und Endoskopie, informierte über den Herzinfarkt. Sie machte deutlich, dass die Symptome nicht immer eindeutig sein müssen. Besteht der Verdacht auf einen Herzinfarkt, sollte deshalb unverzüglich der Rettungsdienst unter 112 alarmiert werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leitstelle stellen gezielte Fragen, geben wichtige Hinweise und helfen dabei, in der oft stressigen Situation Ruhe zu bewahren.
Hilfreich sei es außerdem, wichtige medizinische Unterlagen zusammenzusuchen und dem Rettungsdienst mitzugeben.
Über den Schlaganfall informierte Dr. med. Jasemin Dannheim, Oberärztin und Fachärztin für Innere Medizin mit der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Sie erläuterte typische Warnzeichen, die auch medizinische Laien erkennen können.
Dazu gehören beispielsweise plötzlich auftretende Gleichgewichtsstörungen oder Doppelbilder, ein herabhängender Mundwinkel, Schwierigkeiten, beide Arme gleichzeitig oben zu halten, sowie eine auffällige oder unklare Sprache. Treten solche Symptome auf, gilt: sofort 112 rufen.
In der Zentralen Notaufnahme erfolgt anschließend eine schnelle körperliche Untersuchung mit besonderem Augenmerk auf neurologische Auffälligkeiten. Essentiell ist die bildgebende Diagnostik. Erst dadurch lässt sich feststellen, welche Ursache hinter den Beschwerden steckt – und welche Behandlung notwendig ist.
Dr. med. Bernadette Bröring-Wolf, Oberärztin und Fachärztin für Innere Medizin mit den Zusatzbezeichnungen Intensivmedizin, Rettungsmedizin und Schlafmedizin, widmete sich der akuten schweren Atemnot. Rund 20 Prozent der Patienten in der Notaufnahme kommen nach ihren Angaben mit akuter Atemnot.
Für die Behandlungsteams stellt sich zunächst eine entscheidende Frage: Ist die Atemnot lebensbedrohlich? Da Atemnot bei den Betroffenen häufig mit großer Angst verbunden ist, muss schnell gehandelt und gleichzeitig systematisch nach der Ursache gesucht werden.
Dazu werden unter anderem Haut- und Lippenfarbe, Atemfrequenz und Atemgeräusche beurteilt. Hinzu kommen apparative Untersuchungen wie Pulsoxymetrie, EKG, Blutdruckmessung, kapilläre Blutgasanalyse, Temperaturmessung und Laboruntersuchungen.
Die möglichen Ursachen sind vielfältig. Dazu gehören beispielsweise eine Lungenentzündung, ein Lungenkollaps, eine Lungenembolie, ein Asthmaanfall, eine Verschlechterung einer COPD oder eine Herzschwäche. Je nach Ursache können unter anderem eine Sauerstofftherapie oder eine NIV-Therapie – eine nicht-invasive Beatmung über eine Maske – erforderlich sein.
Wie komplex die Versorgung schwerverletzter Menschen ist, erläuterte Milana Nikitina, Oberärztin, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Notfallmedizinerin und ATLS-Providerin.
Anhand eines schweren Verkehrsunfalls zeigte sie beispielhaft, welche Abläufe in Gang gesetzt werden, wenn ein schwerverletzter Patient in die Klinik kommt. Ein solcher Notfall führt zur Aktivierung des Schockraums. Bei einem unfallchirurgischen Schockraum wird nach den international etablierten ATLS-Prinzipien vorgegangen.
Die Untersuchung und Versorgung erfolgt nach dem strukturierten ABCDE-Schema. In dem vorgestellten Fall wurde zusätzlich ein Ganzkörper-CT durchgeführt, durch das mehrere Frakturen festgestellt werden konnten. Die Patientin musste anschließend intensivmedizinisch behandelt, künstlich beatmet und operativ versorgt werden. Nach der weiteren Stabilisierung konnte sie auf die Normalstation verlegt werden.
Das Beispiel zeigte eindrücklich, wie wichtig festgelegte Abläufe und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachbereiche gerade bei schwersten Verletzungen sind.
Chefärztin Dr. Römer, Fachärztin für Innere Medizin mit den Zusatzbezeichnungen Klinische Akut- und Notfallmedizin (KLINAM), Notfallmedizin, Intensivmedizin, Palliativmedizin und Ernährungsmedizin, widmete sich anschließend einem weiteren besonders gefährlichen Notfall: der Sepsis. Dabei handelt es sich um eine lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf eine Infektion, die zu schweren Organschädigungen führen kann.
Als mögliche Auslöser kommen unter anderem Bakterien und Viren infrage. Besonders gefährdet sind beispielsweise ältere Menschen, chronisch Kranke und Neugeborene.
Dr. Römer stellte verschiedene Warnsignale vor, bei denen rasches Handeln gefragt ist. Dazu gehören Verwirrtheit, eine auffällige oder erschwerte Atmung, ein stark beschleunigter Puls sowie das ausgeprägte Gefühl, schwer krank oder „sterbenskrank“ zu sein.
Bei einer Sepsis geht es um Zeit. Je später eine notwendige Behandlung beginnt, desto schlechter können die Chancen für den Patienten werden. Entscheidend ist daher, eine Sepsis möglichst früh zu erkennen und die notwendige Behandlung rasch einzuleiten.
Am Ende des Patientenforums blieb vor allem eine Botschaft hängen: Brustschmerzen, akute Atemnot, plötzlich auftretende Lähmungs- oder Sprachstörungen sowie der Verdacht auf eine schwere Infektion können auf einen medizinischen Notfall hinweisen und sollten unverzüglich abgeklärt werden.
Das Patientenforum machte deutlich, dass die Zentrale Notaufnahme weit mehr ist als ein Ort ist, an dem Patienten und Patientinnen einfach behandelt werden. Die schnelle Einschätzung medizinischer Dringlichkeit, eine zielgerichtete Diagnostik, sowie zügige Therapieeinleitung sind Mittelpunkt der Arbeit. Dafür arbeiten Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie zahlreiche weitere Berufsgruppen eng und interdisziplinär zusammen.
